Der alte Postweg
Wer vom Parkplatz des Freilichtmuseums den Wanderweg nach Zurstraße benutzt, befindet sich auf der ehemaligen Post- und Heerstraße, die nach der Ansicht von Historikern wahrscheinlich schon in vorgeschichtlicher Zeit bekannt war. Diese uralte Verkehrsverbindung zwischen Hagen und Frankfurt wurde später durch die heutige L 528 ersetzt. Der Autofahrer überwindet auf dem Abschnitt zwischen Selbecke und Zurstraße 350 Meter Höhenunterschied. Früher verließ die Straße am Zusammenfluss von Selbecker und Eilper Bach das einst unzugängliche Tal in südlicher Richtung, Die Trasse führte vorbei am Killing und über Rafflenbeul, kurz vor Zurstraße erreichte sie wieder die Hochebene.
Obwohl seit über 200 Jahren keine Post mehr verkehrt, ist das Wegestück immer noch unter dem Namen „Alter Postweg“ in der Bevölkerung bekannt. Laut „Meiers Geschichte des Amtes Breckerfeld“ ist dieser Weg jedoch nie als ordentliche Postlinie benutzt worden. Reitposten oder fahrende Boten müssen den Postverkehr zwischen Hagen und Breckerfeld erledigt haben.
Auf dem ehemaligen Verkehrsweg zwischen Selbecke und Zurstraße ist noch heute die Hauptspur im gesamten Gelände deutlich zu erkennen. Der Hagener Heimatforscher Johann Janßen berichtet, über den historischen Weg:
Am Steilhang zur Selbecke hin zeigt er sich als gewundener und über eine Strecke von mehreren hundert Metern tief eingeschnittener Hohlweg, ein Beweis dafür, dass der Weg als Handelsstraße (oder Heer-weg) viele Jahrhunderte, wenn nicht schon als Pfad in vorgeschichtlicher Zeit benutzt wurde. Das am Wege liegende Rafflenbeul gehörte bereits 1229 zu den Stiftsgütern von Herdecke (Werner Ide, 1948, S. 41). Die Sohlenbreite des Hohlweges geht nicht über zwei Meter hinaus, während der Abstand von Radspuren, die sich auf den felsigen Abschnitten vorfinden, durchschnittlich etwa 1,45 m beträgt. Sie sind im Laufe der Zeit verursacht durch den Abrieb der Wegoberflüche. durch die Wagenräder und Pferdehufe und durch die dann folgende Erosion entstanden.
Das gesamte Wegestück von etwa 3,8km bis Zurstraße mag uns heute sicher nicht als weit erscheinen, muss aber damals für die schweren Fuhrwerke, Karren und schlecht gefederten Reisewagen in Anbetracht der zu überwindenden Steigungen, der ausgefahrenen Wege und oft
schlechten Witterung wegen eine „Reise“ gewesen sein, die für die Pferde, für den Fuhrmann und für die Reisenden höchste Anstrengung bedeutete. Von der Selbecke bis Rafflenbeul, also bis Hochebene, mussten die Fuhrwerke etwa 240 m Höhenunterschied bewältigen. Im unteren Teil war der Weg besonders steil, auf etwa 320m betrug die Steigung 20 %, dann folgte noch ein Wegestück von etwa 520 m bis zum sogenannten Pferdeplatz (Piärreplatz) mit ungefähr 16 % Steigung. Weiter bis Rafflenbeul war der Weg mit 5% Steigung wieder erträglich.
Mit der eigenen Bespannung konnten die Fuhrleute die steilen Wegstücke nicht bewältigen Ein Vorspann von üblich sechs Pferden war dafür erforderlich. Aber auch leichtere Reise- oder etwaige private Postwagen benötigten wahrscheinlich Vorspann. Lehrer Emil Bonner in Eilpe und der
Besitzer des Rosengartens in der Selbecke, Karl Goebel, berichteten, auf dem Killing und in der Selbecke hätten die Bauern als Nebenerwerb ständig Vorspannpferde in Bereitschaft gehalten. Vorspann wurde vermutlich bis zum Pferdeplatz (Höhe 309) geleistet, der örtlich noch gut erkennbar ist.
Die bergauf fahrenden Wagen benutzten den vorerwähnten hauptsächlichen (Hohl-) Weg, während der leere Vorspann und die abwärts fahrenden Wagen einen der vom Pferdeplatz fächerartig abzweigenden Wege benutzten, die, wenn sie zu sehr ausgefahren waren, durch neue Wege, die man sich im Gelände suchte, ersetzt wurden. Der zur Höhe strebende Verkehr bewegte sich also gewissermaßen auf einer Einbahnstraße. Diese Regel wurde vermutlich gut beachtet, denn sich etwa begegnende Fahrzeuge konnten in den engen Hohlwegen einander nicht ausweichen, außerdem riskierte der Fuhrmann bei nötigem Ausscheren aus den teilweise grundlosen Radspuren, Achsen- und Radbrüche. Man liest, dass der in einen Hohlweg einfahrende Fuhrmann mit einem Horn und durch Knallen mit der Peitsche (Schnacke) usw. Signale gab und so auf sich aufmerksam mochte, um unbedingt Begegnungen mit anderen Karren und somit Blockierungen und Streitigkeiten zu vermeiden.
Bis 1784, als die neue Höhenstraße zwischen Hagen und Breckerfeld fertig gestellt war, sind auf dem alten Postweg unzählige Pferdestärken bewegt worden; 5 bis 7 Zentner zog ein einzelnes Pferd. Jährlich verkehrten auf der neuen Chaussee, die am Roten Hirsch und am Damm vorbeiführte, 12.000 Fuhrwerke mit 25.000 Pferden. Als Transportweg verlor auch diese Straße an Bedeutung, als um 1840 die Volmetalstraße gebaut wurde und 30 Jahre später parallel dazu der Eisenbahnverkehr folgte.
Dass der Pferdeplatz auf dem alten Postweg auch gern als Umspannstelle für die Zugtiere erwähnt wird, ist möglicherweise unzutreffend; ältere Leute haben berichtet, dass auf dem dortigen Platz im Krieg 1870/71 die aus der Waldbauernschaft stammenden und für das Heer vorgesehenen Pferde zusammen aufgetrieben wurden, daher habe diese Stelle den Namen „Pferdeplatz“ bekommen. Für diese Ansicht spricht auch die Tatsache, dass die Kutscher am Mäckingerbach (Am Schemm) schon neue Pferde vorspannten und daher am Pferdeplatz noch keine weiteren Ersatztiere nach nur mäßigem Aufstieg – ggf. über den Killing, um das Steilstück zu vermeiden – brauchten.
Der Alte Postweg ist geblieben – als beliebte Wanderstrecke.