1956: 60 Jahre Selbecker Turnerschaft
Armin Voß veröffentlicht in seiner Dokumentation 75 Jahre Turnen und Sport in der Selbecke in der Festschrift zum 75jährigen Jubiläum der Selbecker Turnerschaft eine umfassende, durchaus wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Darstellung der Geschichte des Vereins seit Ende des 19. Jahrhunderts.
In der Festschrift zum 60Jährigen der Selbecker Turnerschaft, im Jahr 1956 enthält die Festschrift die früheste uns bekannte Darstellung der Geschichte des Vereins; sie ist noch deutlich geprägt durch die Sprache der ehemaligen Turner und Vereinsvertreter und deren Nähe zu den Turnerorganisationen in den 20er Jahren..
Welche Aspekte ihrer Geschichte waren der Turnerschaft so wichtig, dass sie in der Festschrift aufgezeichnet wurden?
Der Text beginnt mit einer Beschreibung des Alltagslebens, und wir können eine Vorstellung davon bekommen, wie anders es vor 125 Jahren war. Der Entwicklung Deutschlands zu einer „industriellen Großmacht“ wird „unsere liebe Selbecke“ gegenüber gestellt. Sie wird als „stilles Fleckchen Erde“ beschrieben, in dem es Männer gab, die „unbändigen Lebenswillen“ hatten und sich mit Gesang und Turnen den Feierabend selbst gestalteten.
Nachdem mit großer Mühe Turngeräte angeschafft werden konnten, wurde in Privaträumen geturnt. Hier beherrschten die Ideale von Turnvater Jahn den Turnboden: Es ging darum, mit „körperlicher Schulung Leib und Seele der Jugend für den Lebenskampf zu ertüchtigen!“; das Ideal war der „muskelstarke Körper“, und die Turner marschierten „in strammem Gleichschritt“.
Im Jahr 1908 wurde die erste Schülergruppe gebildet; und trotz zahlreicher Bestrebungen die vielen Vereine der Umgebung zu einem großen Turnverein zusammenzuschließen, behielt die Turnerschaft ihre Selbständigkeit.
Die Bombenjahre, des zweiten Weltkriegs, der daraus folgende Verlust der Turngeräte und der Vereinsfahne werden erwähnt. Über den Nationalsozialismus findet sich kein Wort; in einer Zeit der politischen Sprachlosigkeit auf allen Ebenen befindet sich unser Verein hier in guter Gesellschaft.
Es folgen Ausführungen zur Neugründung des Vereins im Jahr 1948, zu Sportstätten, zur Zusammenarbeit von Schule und Verein, zu Veranstaltungen, die Arbeit und Mühe lohnen …
Wie aktuell der Text immer noch ist, zeigen die Ausführungen zur heranwachsenden Jugend, die „körperlich wie seelisch bedroht ist“, und zu Männern und Frauen (heute sagt man Trainer, Übungsleiter, Betreuer und Abteilungsleiter), „die zu solchem aufopfernden und selbstlosen Dienst jahraus jahrein immer wieder bereit sind.“
Wir geben hier nur einige Ausschnitte aus dieser Festschrift wieder. Sie ermöglichen, dass wir uns über die Zeit und die Lebensumstände wundern, und auch die Arbeit der Vereinsvertreter (Frauen werden nicht erwähnt) anerkennen; und wir können das Fundament erkennen, auf dem unsere Turnerschaft – vielleicht – heute noch steht.
60 Jahre Selbecker Turnerschaft
Im Juli 1896 wurde die Selbecker Turnerschaft gegründet. Seitdem sind 60 Jahre vergangen, und wir Heutigen können uns kaum noch vorstellen, wie das Leben in der damaligen Zeit war. Auf der Straße trottete noch der Fuhrmann mit der Peitsche in der Hand gemächlich neben seinem Gaul her oder saß hoch oben auf dem Bock seines Wagens. Eine Verkehrsunfallstatistik, die uns heute in steigendem Maße in Schrecken versetzt, gab es noch nicht. Und doch war Deutschland damals in einer gewaltigen industriellen Revolution: Es hatte seit dem Kriege 1870/71 fast 30 Jahre Frieden hinter sich, eine Zeit, in der es vom armen, ackerbautreibenden Lande zu einer industriellen Großmacht herangewachsen war. Die Städte unseres Industriebezirks wuchsen unheimlich schnell, sie konnten die Menschmassen, die von allen Seiten hereinströmten, kaum fassen. Deutschland war in wenigen Jahrzehnten mit einem dichten Schienennetz überzogen worden, und der Dampf hatte als Energiequelle den Großverkehr und die Fabrik erobert. Unsere liebe Selbecke freilich war auch damals noch ein stilles Fleckchen Erde. Die Stadt war nicht so leicht zu erreichen wie heute; es gab noch keine Straßenbahn und die einzelnen Stadtteile waren baulich noch nicht so zusammengewachsen wie heute. Aber hier wie überall regte sich bei der Bevölkerung ein kräftiges Vereinsleben, das die Männer nach schwerer Arbeit auf dem Felde oder in der Fabrik zur Freude und Erholung zusammen führte. Daß die Männer nach zwölfstündiger schwerer Fabrikarbeit noch die Kraft und die Begeisterung für die Verwirklichung idealer Bestrebungen aufbrachten, ist ein Zeichen für den unbändigen Lebenswillen, der im Volke herrschte. Es gab noch keine Vergnügungsindustrie, die die Menschen nach getaner Arbeit aufsog; der arbeitende Mensch gestaltete sich seinen Feierabend selbst.
Da war neben dem Gesang vor allem das Turnen die beliebteste Erholung und Entspannung von der Tagesarbeit. Die wechselvollen politischen Schicksale des 19. Jahrhunderts und ein grundlegender gesellschaftlichen Wandlungen in dieser Zeit hatten nicht vermocht, die Ideale des Turnvaters Jahn im Volke vergessen zu machen: Durch körperliche Schulung Leib und Seele der Jugend für den Lebenskampf zu ertüchtigen! Heute freilich haben alle modernen Kulturstatten den hohen Wert einer sorgfältigen körperliche Erziehung erkannt, und es gibt keinen modernen Staat, der nicht bereit wäre, dafür bedeutende Mittel bereit-zustellen, aber damals waren die Männer, die sich zur Gründung von Turnvereinen entschlossen, ganz auf sich selbst gestellt. Zum Turnen gehören nun einmal Geräte, und diese mußten sich die Turner aus eigenen bescheidenen Mitteln beschaffen. Die Löhne waren trotz der guten Beschäftigungslage in der Industrie nicht eben hoch, und so kann man ermessen, welche finanziellen Opfer von jedem Mitglied der jungen Turngemeinde verlangt wurde, wenn es z. B. galt, ein Pferd zu beschaffen! Die Männer, die die Selbecker Turnerschaft gründeten, und deren Namen wir in dankbarer Erinnerung behalten, waren:
Karl Klute, Vorsitzender (gestorben)
Fritz Hollkott, Schriftwart (gestorben)
August Siemes, Turnwart
Albert Hollkott
Friedrich Kampmann (gestorben)
Wilhelm Kampmann (gestorben)
Otto Kampmann
Albert Siemes
Robert Siemes
Geturnt wurde „am Kluten“, das ist die Stelle, an der heute das Hotel Schmidt steht, in einem Saale, der vor Jahren abgebrochen wurde. Und hier wurden auch fröhliche Feste von der Selbecker Turnerschaft gefeiert, an denen alt und jung auf der Selbecke teilnahm.
Das Turnen selbst vollzog sich nach der Anschauung der damaligen Zeit in streng militärischem Stil, in strammer Haltung und unter scharfem Kommando; die künftigen Rekruten bekamen auf dem Turnboden den ersten „Schliff“. Das Ideal war damals der muskelstarke Körper und die exakt ausgeführte Bewegung. Die Höhepunkte aber im Turnerleben waren die Aufmärsche auf den großen Turnerfesten. Da marschierten die Turner in weißem Dreß in strammem Gleichschritt unter dem Kommando von Turnkameraden, die militärische Ausbildung genossen hatten. Da wurden Gleichschritt und tadellose Haltung aufs höchst gewertet. An Festpreisen gab es Trinkhörner, Bowlen, Stammgläser und Bilder des Turnvaters Jahn. Noch heute findet man in alten Gaststätten diesen Trophäen, in Schränken sorgfältig aufbewahrt. Großer Wert wurde damals auf das Ringen und das Gewichtheben, das Stemmen gelegt. Und im Ringen lag die Selbecker Turnerschaft bis 1908 etwa immer mit an der Spitze. Da war es der den älteren Turnkameraden noch so gut bekannte Heinrich Herkelmann, der auf manchem Turnfest Preise in Gestalt von Standuhren, Sofas und anderen beliebten Gegenständen gewann.
Es zeugt von der tiefen Einsicht in die Bedeutung des Turnens bei den Männern der Selbecker Turnerschaft, daß sie schon früh begannen, sich auch der Jugend anzunehmen und sie turnerisch zu betreuen. Im Jahre 1908 wurde bereits eine Schülergruppe gegründet.
Dann kam der erste Weltkrieg, der erste große Einschnitt in das Leben der Menschen unseres Jahrhunderts. Die langen Kriegsjahre rissen auch in die Reihen der Selbecker Turnerschaft empfindliche Lücken: Sieben aktive Turner fielen! Nach dem ersten Weltkriege begann das Turnen von neuem. Neben der Selbecker Turnerschaft hatte bis zum ersten Weltkrieg noch eine zweite Turnergruppe bestanden, die sich „Germania“ nannte. Diese ging schließlich in die Selbecker Turnerschaft auf. Im Jahre 1926 trat die Selbecker Turnerschaft der Deutsche Turnerschaft bei. Von jetzt ab wurden sämtliche Bezirks- und Gauturnfeste der Deutschen Turnerschaft besucht und mancher schöne Erfolg errungen. Damals war der verstorbene Hauptlehrer Karl Boeckmann Vorsitzender des Vereins.
In der Folgezeit gab es immer wieder Bestrebungen, die zahlreichen Einzelvereine der Umgebung zu einem großen Turnverein zusammenzuschließen. Aber die Selbecker Turnerschaft behielt ihre Selbständigkeit.
In den Bombenjahren des Zweiten Weltkriegs ud in den Notjahren nach 1945 ging das gesamte Vermögen an turnerischem Gerät verloren. Selbst die Vereinsfahne und ein bei Turnwettkämpfen errungenes Banner verbrannten bei einem Bombenangriff. Die allgemeine Not und der Hunger, die Verworrenheit der Lebensumstände nach dem Kriege ließen eine Neugründung erst im Jahr 1948 zu. Die Selbecker Turnerschaft hatte dasselbe Schicksal wie so viele andere Vereine: Sie stand vor dem Nichts. Der größte Teil des Sportplatzes war in Gartenland umgearbeitet worden, die Umkleidebaracke diente einer Familie als Notwohnung, und es bedurfte langwieriger Auseinandersetzungen, um Platz und Umkleideraum wieder ihrem ursprünglichen Zweck zuzuführen. Und hier zeigte sich beste turnerische und sportliche Tradition: Männer wie August Kimpel und Willi Fraenz sen. gingen mit aller Energie ans Werk, um die Selbecker Turnerschaft neu entstehen zu lassen. Trotz der Geldknappheit unmittelbar nach der Währungsreform gelang es, das notwendige Turngerät neu zu beschaffen, vor allem aber, die Selbecker Jugend für das Turnen neu zu gewinnen! Da kein Turnboden vorhanden war, wurde ein von ausgebombtem und Flüchtlingen belegter und schließlich geräumter Saal in der Wirtschaft „Am Brakenberg“ notdürftig mit eigenen Mitteln und unter Einsatz vieler freiwilliger Arbeitsstunden als Turnsaal instandgesetzt. Ebenso gelang es, den Sportplatz am Mäckinger Bach wieder in die Hand zu bekommen und herzurichten.
So blüht denn seit jener Zeit das turnerische Leben auf der Selbecke von neuem, die schlimmen Nöte sind zwar beseitigt, aber es fehlt noch am Wichtigsten: An einer Turnhalle auf der Selbecke. So müssen unsere Turner immer noch zur Turnhalle an der Franzstraße, und das ist in den langen Wintermonaten nicht eben bequem. Die Erfüllung unseres alten Traumes, auf der Selbecke eine Turnhalle zu heben, gäbe uns die Möglichkeit, die heranwachsende Selbecker Jugend turnerisch restlos zu erfassen.
Ganz besonders wichtig ist die enge Zusammenarbeit zwischen der Selbecker Turnerschaft und der Schule Selbecke. Die Schule Selbecke hat keine Turnhalle, und das Turnen draußen wird durch die Unbilden der Witterung in mancher planmäßig festgesetzten Stunde unmöglich gemacht. Da ist von großem Wert, daß sich in der Selbecker Turnerschaft Männer und Frauen finden, die sich im Rahmen des Vereins der Schuljugend annehmen und mit ihr regelmäßig auf den Turnboden an der Franzstraße gehen. Da sind es vor allem die stets unermüdlichern Turnbrüder Willi Rüsseler und Peter Gräwe, und die Turnschwestern Frau Erika Rüsseler und Frau Lotte Bonner, die sich der Schuljugend innerhalb des Vereins annehmen und so dem zum turnerischen Vorhaben der Schule große Dienste leisten.
Jedermann im Volke weiß, wie sehr gerade heute die heranwachsende Jugend körperlich wie seelisch bedroht ist, und da ist es nicht dankbar genug anzuerkennen, daß sich Männer und Frauen finden ,die zu solchem aufopfernden und selbstlosen Dienst jahraus jahrein immer wieder bereit sind.
Wenn sich aber dann an einem sonnigen Himmelfahrtstage alte und junge Turner zu einem fröhlichen Fest draußen in unserer herrlichern Heimatnatur zusammenfinden oder sich um die Weihnachtszeit zu einer schlichten und eindrucksvollen Feier unter dem brennenden Lichterbaum versammeln, dann ist alle Arbeit und Mühe angesichts der frohen und glücklichen Kinderschar reichlich gelohnt! Denn es geht uns letzten Endes um die Jugend, um die, die nach uns kommen und denen wir helfen wollen, einen gesunden Körper und eine gesunde Seele mit ins Leben hinausnehmen zu können!