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Singen die denn nicht mehr?

Kommt man heute an einem Sonntag in die Rundturnhalle, und die Mannschaften der Turnerschaft haben ihre Gegner in eigener Halle zu Gast, so kann man sich über mangelnde Beschallung nicht beschweren: Die AnhängerInnen der eigenen Mannschaften und die der Gäste tun alles, um die je eigenen Mannschaften zu unterstützen. Dazu werden Schallgeräte unterschiedlicher Art verwendet, Zwischenansagen zu den erzielten Toren kommen über Lautsprecher, manchmal begleitet von eindringlicher Musik und dem Jubel der ZuschauerInnen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Alle Sportsfreunde und –freundinnen gehen mit, sie erfreuen sich am sportlichen Wettbewerb, an den Ritualen und dem Event-Charakter der sportlichen Begegnungen, und das ist gut so, auch und gerade für unseren eher kleineren Verein!

Was einem alten Handballer, der schon auf Kleinfeld gespielt, aber auch noch zu Feldhandballspielen aufgelaufen ist, dabei auffällt: Es wird nicht mehr gesungen! Nicht vor, während und nach einem Spiel, auch nicht bei sich anschließendem Beisammensein, und auch nicht am Bierstand oder bei Vereinsfesten – eine Vereinskneipe gibt´s ja schon lange nicht mehr.

Vielleicht lohnt es sich, diesem Phänomen nachzugehen?

Bereits in der Festschrift zum 100jährigen Bestehen der Selbecker Turnerschaft ist ein Beitrag des langjährigen Vorsitzenden unseres Vereins enthalten:

Karl Klawonn, 1. Vorsitzender von 1968 bis 1978,  schreibt sicher aus der Tradition der Turn-Vereine, von der sich unser Verein bereits vor 1996 gelöst hatte; sein Beitrag ist im Hinblick auf Selbecker Rituale gleichwohl lesenswert:

So endete in den Nachkriegsjahren jede Vereinsversammlung, jede Vorstandssitzung und jede Feier […] mit der alten Turnerhymne „Turner, auf zum Streite …“; die aktiven Sportler, die immer weniger reine Turner als fast nur noch Handballer waren, sangen die Vereinshymne „Grün und weiß, wie lieb ich dich …“, und in geselliger Runde dann den Hammerschmied (Es ist ja kein Dörflein so klein …).

Im weiteren Verlauf seines Textes geht er der Frage nach, wie früher in Turn- und Sportlerkreisen gesungen wurde. Er folgt der Devise „frisch, fromm, fröhlich, frei“ von Turnvater Jahn und führt vielfältige Beispiele alter Sanges-Kultur an (vgl. hierzu: Karl Klawonn: TURNEN UND GESANG).

Sein Fazit:

Turnen und Gesang, die enge Bindung besteht nicht mehr, ist auch wohl nicht mehr in der beschriebenen Form wiederzubeleben. Die heutige Jugend, wenn nicht die ganze Gesellschaft, ist mit einem üppigen Medienüberangebot gesegnet, das fast keinen Bedarf mehr aufkommen lässt nach Gesang.

Die Erinnerung aber an besinnliches, feierliches, fröhliches, auch wohl tröstliches, Singen bleibt.

Immerhin kommt es immer wieder dazu, dass, wenn einige Alte zusammenstehen, der Hammerschmied gesungen wird, Säəlbke 1-2-3 schließt sich an, und Wer hat unser Spiel heut verlooren ? In beliebiger Reihenfolge folgen dann Lot sə us alle wat dri:ten —  Grün und weiß  — Wir Selbecker Jungen / Mädchen — Et giət kein Verein im Suəland … und inne Bunnesrepublik …

Wenn Karl Klawonn bereits 1996 von einem üppigen Medienangebot spricht, so hat sich dieses in den letzten 30 Jahren noch potenziert. Noch bis in die 1980er Jahre waren die seit der Kindheit gewachsenen Beziehungen zwischen den Vereinsmitgliedern ein enges Band mit gemeinsamen Erinnerungen, und mit gemeinsamer (Trink- und) Gesangskultur; später wurden, wohl auch wegen der heterogeneren Mitgliederstruktur, Traditionen nicht weiter gegeben, sie verschwanden.

Irgendwann wurden in der Vereinsarbeit andere Prioritäten gesetzt, die Leistung von Mannschaften zählte auf andere Weise („dieses Jahr müssen wir aufsteigen“), Spielerinnen und Spieler aus anderen Vereinen ergänzten den ursprünglichen Selbecker Kader, sie wurden und werden für die Zeit ihres Einsatzes in einer Mannschaft zu Vereinsmitgliedern, mit vielfältigen oder keinen besonderen Erwartungen an das Vereinsleben; und nach dem Spiel geht´s ab nach Hause.

Falls es vom Vorstand, der Handballabteilungsleitung oder einzelnen „älteren“ Selbecker Spielerinnen und Spielern Bemühungen gegeben hätte die Tradition zu singen fortzuführen: Hätte es gelingen können? Wäre es gewünscht gewesen? Oder allenfalls geduldet?

Spätestens hier ist eine Bemerkung nötig: Der Verfasser ist nicht der Meinung, dass unser Verein eine falsche Richtung eingeschlagen hat, im Gegenteil: Das große Engagement seiner Mitglieder und seiner EntscheidungsträgerInnen hat dazu geführt, dass wir als Vorstadtverein manche Nachbarvereine überlebt haben, dass er lebt und weiterhin große sportliche Attraktivität bietet, dass er mit seinen Festen und Unternehmungen über seine Mitglieder hinaus das Leben im Stadtteil prägt und belebt.

Allenfalls mag man anführen, dass manche Erfahrungen und Gedanken der Älteren (so viele gibt es ja nicht mehr) es verdient hätten in Überlegungen zur Weiterentwicklung des Vereins einbezogen zu werden.

Und nun?

Wir, die Alten, die dem Verein nach wie vor nahe stehen, haben u.a. über unsere Lieder Gefühle von Gemeinschaft und emotionaler Zugehörigkeit zum Verein und zum Stadtteil entwickelt, nicht umsonst sind einige von uns immer noch dabei; noch heute bringen uns Lieder in diese besondere Stimmung, sorgen für Lachen – und wohl auch für ein bisschen Wehmut. Also, finden wir uns damit ab, nur gelegentlich am Bierstand alte Lieder zu singen?

 Und sie, die Jungen und oft Ortsfremden und Zugereisten, die seit 30 Jahren keine Lieder mehr singen: Ist für sie eine Wiederbelebung der Sangesrituale überhaupt vorstellbar, und wünschenswert?

Würde das überhaupt emotional passen, für die Alten und für die Jüngeren?

Mal angenommen, man käme zu dem Ergebnis, dass es einen Versuch wert sei zu versuchen das Singen wieder einzuführen, immerhin haben wir in der Nachbarschaft große Vorbilder: Borussia Dortmund – You´ll never walk alone; Schalke 04 – Blau und weiß, wie lieb ich dich. Wie könnten wir dann unsere Lieder wieder reaktivieren? Unabhängig davon, ob sich eine emotionale Bindung zum Verein und zur Selbecke einstellt – ein paar Gedankenspiele:

  • Eine Gruppe Älterer fängt bei Veranstaltungen an, eine Liederliste liegt aus …
  • Zu Beginn eines Spiels in der Sporthalle wird die Vereinshymne (Grün und Weiß … aufgenommen von einer Gruppe der älteren und alten Spielerinnen und Spieler) über den Hallenlautsprecher gespielt …
  • Zum Ende eines (gewonnenen) Spiels folgt der Hammerschmied (Es ist ja kein Dörflein …)
  • Bei Vereinsfesten könnte man es einplanen, üben, ritualisieren …
  • Die Hymne könnte man Jugendlichen nahe bringen – bei den Trinkliedern sollten wir besser warten …
  • Bei Mitgliederehrungen in lockerer Atmosphäre: Aufstehen und Singen …
  • Wohl angestaubt, oder doch attraktiv, weil alternativ?: Die JHV mit einem Lied beginnen …
  • Eine Liederliste mit den Texten erstellen …
  • Die aufgenommenen Lieder auf der Homepage und in Sozialen Medien verfügbar machen …
  • Haben wir einen DJ, der zum Singen animieren könnte? …
  • Die Alten müssten Vorbilder sein und in mit früher vergleichbaren Situationen loslegen …
  • … und auf dese Weise langsam versuchen eine neue alte Tradition zu etablieren.