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Frühe Jahre der Turnerschaft: Zeitzeuge August Siemes

Im Rahmen seiner umfangreichen Recherchen zu seinem Beitrag 75 Jahre Turnen und Sport in der Selbecke in der Festschrift zum 75jährigen Bestehen der Turnerschaft hat Armin Voß in den Jahren 1961 bis 1970 zahlreiche Gespräche mit Selbeckern geführt. Zu diesen gehörten auch einige der „alten Selbecker“, die an der Gründung der Turnerschaft beteiligt, im Vorstand oder als Übungsleiter tätig waren. In den Aufzeichnungen dieser Gespräche werden nicht nur die zur Zeit der Vereinsgründung maßgeblichen Männer genannt; die Berichte geben auch anschaulich und persönlich wesentliche Aspekte des sportlichen und gesellschaftlichen Geschehens wieder. Wir möchten einige der Zeitzeugen auch in diesem Heft zu Wort kommen lassen.

Am 2.12.1961 berichtet August Siemes, geb. 1870, über die Vereinsgeschichte der Selbecker Turnerschaft und von Germania Selbecke:

  1. Ich war ein Schuljunge von 12 Jahren, als eines Sonntags die Älteren mit einer Liste auf der Selbecke herumgingen, um Mitglieder für den neuen Turnverein zu werben (1882). Sie traten auch damals an meine beiden älteren Brüder heran. Der Verein Germania Selbecke muß in den Jahren 1882/85 am Kluten gegründet worden sein. Gründer waren, soweit ich mich entsinnen kann, Bauer Goebel, dessen Onkel Fritz Sporbeck, Fritz Schaacke, August Stich und ein Herkelmann (aber nicht Heinken). Geturnt wurde auch am Kluten, und zwar solange, bis dann am Schaacken der neue Saal zur Verfügung stand.
  1. Zwischen der Germania Selbecke und der Turnerschaft Selbecke gab es in den ersten zwei Jahren nach der Gründung der Selbecker Turnerschaft einige Reibereien. Dann aber wurde die Turnerschaft Selbecke schon zu Festen eingeladen, die von Germania in Schaacken´ Saal gefeiert wurden, Hin und wieder wechselten auch Mitglieder zwischen den  beiden Vereinen, wie z.B. Heinken Herkelmann, der von Germania Selbecke zur Turnerschaft Selbecke übertrat.Nach dem ersten Weltkrieg, etwa 1920/21, wurde dann am Schaacken abgestimmt, und beide Vereine taten sich zusammen.
  1. Die Turnerschaft Selbecke wurde im Jahre 1896 gegründet. Es war im Sommer 1896, auf den genauen Gründungstag kann ich mich nicht mehr besinnen. Gründer waren jüngere Burschen im Alter von 25-26 Jahren, die sich beim späteren Vereinswirt Karl Klute zusammenfanden. Es waren – außer mir – meine Brüder Gustav Siemes, Albert Siemes, mein Vetter Robert Siemes, dann Wilhelm Kampmann, Friedrich Kampmann, Otto Kampmann, Eugen Schmidt, Karl Hildebrand, Richard Sommer, Fritz Holkott, Albert Holkott, August Klute, Karl Klute.Zur Anmeldung beim Rathaus und beim mittel-märkischen Turnverband wurden gewählt:

    als Vorsitzender: Karl Klute

    als Zeugwart:      Richard Sommer

    als Schriftwart :   Fritz Holkott

    als Turnwart :      August Siemes

    als Kassierer:      August Klute

    Nach Karl Klute wurde Fritz Holkott 1. Vorsitzender. Ich, August Siemes, war 5 – 6 Jahre Turnwart. Nachfolger von mir war mein Vetter Robert Siemes, der dieses Amt als Turnwart für die Dauer von ca. 8 – 1o Jahren innehatte.     
  1. Geturnt wurde am Kluten, im Saal der Kluteschen Wirtschaft. Aus eigenen Mitteln wurden angeschafft: 1 Reck, 1 Barren, 1 Matratze, 1 Sprungbrett mit Zubehör, 2 Stemmkugeln (100 und 50 Pfund) sowie 1 Stein. Im Sommer wurde am Dienstag und Samstag, im Winter nur samstags geturnt (Übungsabende). Die Turnfeste der Selbecker Turnerschaft wurden auf Kluten Wiese abgehalten; dort wurden auch Schauturnen, Festzüge, Volksfeste und allerlei Vergnügungen (Kletterbaum, an dem Ballons und Bänder hingen) durchgeführt.
  1. In den Anfangsjahren hatte die Turnerschaft Selbecke etwa 25 – 28 aktive Mitglieder. Die Turnerschaft Selbecke hat schon sehr bald eine Jugendabteilung eingerichtet. Sie umfaßte etwa 25 jüngere Burschen im Alter von 14- 17/18 Jahren. Die Jugendlichen mußten einen monatlichen Beitrag von 25 Pf., die Erwachsenen (ab 18 Jahren) einen solchen von 50 Pf. bezahlen.
  1. Die Turnerschaft Selbecke, wie auch Germania Selbecke, hat immer der Mittelmark angehört, erst später, etwa 1926, ist die Turnerschaft Selbecke der DT (Deutschen Turnerschaft) beigetreten. In der Mittelmark waren ausschließlich die Arbeitervereine organisiert. Dem Märkischen Turngau gehörten die Vereine mit den „besseren Leuten“ an. Der Unterschied lag also im Geldbeutel.
  1. Im Laufe der Jahre wurden immer mehr Turnfeste besucht und es sammelten sich zahlreiche Ehrenpreise an, die in unserem Vereinsschrank aufbewahrt wurden. Es dürften etwa 1o – l2 Fahnenschleifen, etwa 10 Trinkhörner aus Steingut, 2 bis 5 Bügeleisen auf einer hufeisenförmigen Unterlage und mehrere Rapiere gewesen sein. Diese gesammelten Trophäen waren Zeichen für die von der Turnerschaft Selbecke errungenen 1. – 3. Mannschaftssiege. Einzelsiegerurkunden gab es damals noch nicht, wohl aber Eichenkränze, die der Einzelne aber selbst bekam und auch mit nach Hause nahm.Über die Teilnahme an Turnfesten und überhaupt über das Vereinsgeschehen gab es auch keine „Buchführung“ und wenn es irgendwelche Unterlagen gab, dann sind sie in den Kriegswirren 1914/18 oder später verlorengegangen. Auch ich selbst habe keine Unterlagen mehr. Meine Frau hat alles, was ich an Vereinsbildern, Kränzen usw. hatte, verbrannt. Genaue Angaben kann auch sonst kein anderer mehr machen, weil schon alle, die darüber etwas wissen könnten, gestorben sind.
  1. Zu Turnfesten wurde die Turnerschaft Selbecke vorwiegend von den Vereinen der Mittelmark  aus dem Raume Hagen eingeladen. Die Turnerschaft Selbecke lud diese Vereine auch selbst ein. Zweimal war die Turnerschaft Selbecke in Ergste, vielemal in Eilpe, Delstern, Oberhagen, Eppenhausen und Altenhagen auf Turnfesten vertreten.Einmal war die Turnerschaft Selbecke auch auf einem Turnfest im Ruhrgebiet, auf den Namen des einladenden Vereins kann ich mich allerdings nicht mehr erinnern. Der Festverlauf wurde mit dem Antreten der Vereinsriegen eröffnet. Jeder einzelne der Riege führte dann seine Übungen an den Geräten (Reck, Barren, Pferd) aus. Unter der Aufsicht des vom einladenden Verein gestellten Kampfgerichtes (4 – 5 Mann) wurde die beste Riege bestimmt.Bei besonderen Anlässen (Jubiläen usw.) wurde durch die Vereinsriegen auch noch ein Parademarschieren vorgeführt. Dabei marschierte der Turnwart vor der Turnergruppe her, neben ihm ging der Fahnenträger. Rechts und links vom Fahnenträger marschierten dann zwei Rapierträger. Beim Besuch von Nachbarfesten (z.B. Eilpe) umfasste die Gruppe der Selbecker Turnerschaft etwa 24 – 30 Mann, auswärts ca. 16- 18 Mann. Meistens wurden drei Preise für die besten Mannschaften verliehen. Das Turnen fand meistens nachmittags nach dem Festzug statt und dauerte bis abends an. Morgens betätigten sich Stemmer und Ringer. Gestemmt wurde damals beidarmig (100 Pf) und einarmig (50 Pfund). Gewinner beim Stemmen war derjenige, der das Gewicht am häufigsten zur Hochstrecke gebracht hatte; dabei kam es auch noch auf  die Haltung an, d.h. ob das Gewicht gestoßen oder mit Kraft gedrückt wurde.

    Sehr beliebt war auch das Steinstoßen und das Springen vom Brett (Stabhoch – und Weitspringen ).Als Kraftsportler war von der Turnerschaft Selbecke Heinken Herkelmann, vorher in Germania Selbecke, weit über die Grenzen des Hagener Raumes bekannt. Als Kraftringer und Stemmer hatte er kaum einen Gegner zu befürchten. Die Ringerpaarungen wurden damals ohne Gewichtsbegrenzung nach der Auslosung bestimmt. Wenn es dann vorkam, daß ein körperlich sehr schwacher Gegner gegen Heinken kam, dann verzichtete der Gegner automatisch. Heinken galt damals überall als Favorit und wenn er antrat, erkundigten sich die Gegner erst, ob er abends vorher gesoffen hätte oder nicht. Hatte er nicht getrunken und war also ziemlich fit, dann verzichteten schon viele auf die Teilnahme, Über Heinken Herkelmann sei noch zu berichten, daß er auf einem Turnfest in Ergste beim Parademarschieren in der Turnriege der Selbecker Turnerschaft zweimal denselben Fehler machteund damit die Aussicht auf den ersten Preis im Festzugmarschieren vereitelte. Das Kampfgericht hatte beim ersten Mal, als August Siemes seine Mannen vorbeiführte, Heinkens Fehler noch nicht bemerkt. Beim zweiten Vorbeimarschieren , als Heinken den gleichen Fehler  gemacht hätte, wäre es von den Kampfrichtern bemerkt worden und mit dem ersten Preis wäre es vorbei gewesen. Als Springer war von der Turnerschaft Selbecke Richard Sommer sehr bekannt. Wenn Sommer und Hesse (letzterer vom Eilper Turnverein) zusammenkamen, holten diese beiden immer die ersten Preise weg. Richard Sommers Glanzzeit war in den Jahren 1897/98.
  1. Von dem Vereinslied der Selbecker Turnerschaft kenne ich, August Siemes, nur noch die erste Strophe:Am Kluten, wer weiß es nicht – der neue Turnverein, die Turner sitzen um den Tisch, hoch lebe der Verein. Und wenn der liebe Samstag kommt, halten zusammen wir, die Arbeit legen wir dahin und machen uns Plaisir. Wir laufen in Haufen zum Kluten wohl hin, das ist die Selbecker Turnerschaft – hat immer frohen Sinn.
  1. Der Sportplatz am Mäckingerbach steht der Selbecker Turnerschaft seit der Inflationszeit zur Verfügung. Damals hatte sich Karl Klute für die Selbecker Turnerschaft mit dem Eigentümer, dem Killinger Bauern, in Verbindung gesetzt und um Überlassung der Wiese gebeten. Daraufhin hatte der Killinger Bauer die Wiese an die Stadt verkauft.