Landwirtschaft in der Selbecke
In der Festschrift zum 60jährigen Bestehen der Selbecker Turnerschaft heißt es:
[…]wir Heutigen können uns kaum noch vorstellen, wie das Leben in der damaligen Zeit war. Auf der Straße trottete noch der Fuhrmann mit der Peitsche in der Hand gemächlich neben seinem Gaul her oder saß hoch oben auf dem Bock seines Wagens. Eine Verkehrsunfallstatistik, die uns heute in steigendem Maße in Schrecken versetzt, gab es noch nicht. […] Unsere liebe Selbecke freilich war auch damals noch ein stilles Fleckchen Erde. Die Stadt war nicht so leicht zu erreichen wie heute; es gab noch keine Straßenbahn und die einzelnen Stadtteile waren baulich noch nicht so zusammengewachsen wie heute.
Zeitzeugen haben berichtet, dass die Selbecke zu Beginn des letzten Jahrhunderts weitgehend von ärmeren Leuten und Arbeitern bewohnt wurde und dass die Landwirtschaft eine wesentliche Rolle im dörflichen Leben spielte.
Zu den Bauernhöfen und Nebenerwerbsbetrieben bis zur zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts gehörten (beginnend in der oberen Selbecke, vgl. den Kartenausschnitt):
1 Karl Schlösser – später Gaststätte Zum Roten Hirsch – am Hirtze
2 Karl Goebel – am Brakenberg, heute Gaststätte Zum Tanneneck
3 Heinrich (Heinemann) Kaul – Buscherberg
4 Horst Göbel – später Selbecker Hof
5 Paul-Gerd Kalthoff – heute Gaststätte Auf´m Kamp
6 Otto Kampmann – Selbecker Stieg
7 Wilhelm Karl Göbel – heute Gaststätte Rosengarten
8 Karl Rafflenbeul – Auf dem Killing
9 Fam. Ahrens – Mäckingerbach
Auf dem Killing
Horst Rafflenbeul ist Seniorbauer auf dem Killing, sein Sohn Sven bewirtschaftet den Hof seit 2006 nun in16. Generation – von den Höfen in der Selbecke besteht nur noch dieser eine landwirtschaftliche Betrieb.
1769 heiratete ein Johann Eberhard vom Rafflenbeul seine Anna Helene Schulte vom Hofe Killing; Caspar Heinrich (1757-1810) übernahm nach seiner Heirat 1773 mit Maria Catharina Schulte (1752-1835) den Killing-Hof. Seit jener Zeit heißt es: Rafflenbeul auf dem Killing. (vgl. WP/WR-Sonderbeilage 25.2.1986)
Aus Erzählungen weiß man, dass Horsts Opa Mitglied des Schützenvereins Hubertushöhe war, am Schützenstand (heute Gerätehaus) hatte er eine Kneipe eingerichtet, die nicht nur bei Schützenfesten gern besucht wurde.
Der Hof in den 20er Jahren
Im Schützenstand
Bis in die 1960er Jahre gab es auf dem Hof Schweine, Kühe und Hühner; mit Pferden und Walze, Egge und Pflug wurden die Felder bestellt und Runkeln und Getreide angebaut. Die Schweine liefen frei herum, alle Monate kam ein Metzger und schlachtete; zur Ernte wurde ein Mähdrescher vom Haßley geliehen; Korn wurde in Behrens Mühle (heute Leste) gemahlen. Die Milchkannen wurden mit Pferd und Wagen zum Bock an der Selbecker Straße gebracht, was im Winter zu Problemen mit den auf dem Weg Schlitten fahrenden Kindern führte – für die Freunde der beiden Söhne Karl-Ludwig und Horst war es ansonsten ein Abenteuer im Runkelkeller, auf dem Heuboden, in der Scheune und in den Wäldern zu spielen.
Karl Rafflenbeul in den 30er Jahren, bevor ein Trecker Angeschafft werden konnte
Anfang der 50er Jahre wurden Kartoffeln angebaut für die Anzahlung des ersten Treckers; in den Herbstferien verdienten sich die Kinder der Selbecke ein paar Mark bei der Lese auf dem Feld oberhalb des damaligen Sportplatzes.
Aus wirtschaftlichen Gründen spezialisierte sich der Betrieb in den 60er Jahren auf Milchwirtschaft, sein Fortbestehen wurde schließlich durch den Neubau am Parkplatz des Freilichtmuseums gesichert: Nach jahrelangen Verhandlungen kam es zu einem Grundstücks-Tauschvertrag, der Voraussetzung für den Neubau der Käsedeele. Heute werden Supermärkte und Raiffeisengeschäfte mit Milch, Joghurt und Käse bis nach Münster beliefert. Waren es in den 60er Jahren 20 Kühe, so stehen heute 95 Kühe im Stall am Parkplatz des Freilichtmuseums, noch mal so viele Jungtiere stehen in Breckerfeld auf einem ehemaligem Bauernhof, weil auf dem Killing nicht genug Platz ist.
Horst hat in der Schülermannschaft der Turnerschaft Handball gespielt, er war auch mit der Schulmannschaft Stadtmeister. Wegen der körperlichen Einschränkungen seines Vaters und der Arbeit auf dem Hof hat er dann mit dem Handballspielen aufhören müssen – er wollte ja auch Bauer werden, bei Geburten von Kälbern helfen, Nächte lang durchwachen und warten, „das war immer mein Ding“.
Verbundenheit mit der Selbecke zeigt Horst durch seine Mitarbeit in der Facebook-Gruppe Du bist Eilper, wenn ….
Hof Brenscheid
Lore Kaul lebt in 4. Generation auf dem ehemaligen Hof Brenscheid, dem Namen ihrer Mutter – die Gegend wurde früher am Hoh genannt. 1960 hat sie ihren Mann Heinrich Kaul geheiratet. Nachdem ihr Vater 1964 verünglückte, übernahm ihr Mann Heinemann die Arbeit auf dem Hof; vorher hatte er in der Holzwirtschaft beim Forstamt der Stadt gearbeitet.
Auf dem Hof wurden Rinder und Bullen gezüchtet und Kühe gehalten; ihr Opa hatte ein Milchgeschäft, er belieferte die Selbecke und die Straße Zur Höhe. In der Scheune war eine Feilenhauerei, die um Jahrhundertwende gegründet wurde; ihr Vater ist 1898 geboren. Auch unten an der Höhwaldstraße war eine Schmiede und eine Feilenhauerei. Ein Nachbar war Bauer Schulte, der im wesentlichen Rinder züchtete.
Als sich in den 70er Jahren herausstellte, dass sich die Landwirtschaft nicht mehr lohnte, zu viel Arbeit bei zu geringem Ertrag, entschieden sie sich stattdessen Wohnungen zu bauen. 1973 wurde aus dem vorherigen Kuhstall ihr jetziges Wohnhaus gebaut. Im wesentlichen für die Tiere wurden Kartoffeln und Runkeln angebaut und Heu gemacht; die Felder gehören ihnen noch heute, sie sind verpachtet u.a. für Schafe.
Der Hof brannte am 1.10.1943 fast vollständig ab: Auf dem Kötting war eine Schein-Eisenhütte aufgebaut worden, um die Flugzeuge anzulocken und sie dann mit der Flack abzuschießen – eine der Phosphor-Brandbomben schlug auf dem Hof eine, nur das festgestampfte Heu, das nicht so schnell brannte, ermöglichte es einige Möbel zuretten. Währen der Zeit des Wiederaufbaus wohnte die Familie in der alten Schmiede, übernachten konnten sie in einem Zimmer am Brakenberg
Bei Kriegsende kamen die Amerikaner die Selbecke hoch, sie ruhten sich oberhalb der Landstraße bei Brenscheidts aus. Die auf dem Hof arbeitende Russin Natalka, die eine ganz enge Beziehung zu Lores Mutter hatte, nahmen sie unter Tränen mit – sie haben nichts mehr voneinander gehört.
Lore Kaul ist regelmäßig zu Veranstaltungen der Turnerschaft gegangen, sie pflegte u.a. engsten Kontakt zu Ilse Kalthoff, dem Goldstück.
Paul-Gerd Kalthoff ist der Senior Auf´m Kamp, der Hof wurde erstmals 1770 in Dokumenten erwähnt.
Auf´m Kamp
Feldarbeit in den 30er Jahren
Bis 1958 wurden Kühe gehalten, dies und weitere Landwirtschaft wie Kartoffeln, Hafer und Getreide für Pferde und das Vieh wurde drangegeben, weil Aufwand und Ertrag nicht mehr im gewünschten Verhältnis standen. Von 1961 bis 2005 betrieb Familie Kalthoff eine Hafflinger-Zucht; seit dann haben sie nur noch Einsteller. Die ehemalige Felder sind heute Weiden und fürs Heumachen genutzt.
Oma Frieda, geb. 1891, war eine schillernde Person: Sie betrieb ab Ende der 20er Jahre neben der Landwirtschaft ein Fuhrgeschäft, als erste Frau mit Lastwagenführerschein in Hagen. Da sie finanziell gut gestellt war, fuhr sie mit dem Privatwagen bis nach Paris, und sie soll die erste gewesen sein, die auch mit dem Flugzeug geflogen ist. Diese Oma hatte 3 Töchter, eine davon (Friedchen) war später Mitbesitzerin von Hotel Schmidt – und von den Töchtern hatte später keine einen Führerschein.
Paul Gerds Eltern beobachteten, dass Wanderer aus Wehringhausen regelmäßig an ihrem Hof vorbeigingen zu Gaststätten im Selbecker Tal, also errichteten sie ab 1958 eine Gaststätte im ehemaligen Hühnerstall mit der Folge, dass diese dann zum Zwischenstopp einkehrten
Nach einem Brand im Jahr … … entstanden statt der Gaststätte ein Hotel und ein Restaurant.
Paul Gerd gehört zu den letzten Selbeckern, die noch viel von der alten, dörflichen Zeit wissen, die das Plattdeutsche wenn nicht perfekt sprechen, so doch verstehen und sich in die alte Kultur einfühlen können. Als junger Mann erfuhr er von Leuten wie Korten Karl, der mit anderen zum Kartenspielen zum Kamp kamen, (fast) alles über die Selbecke, ihre Bewohner, deren Beziehungen und Verwandtschafts-verhältnisse.
Hof Kampmann
Klaus Kampmann wohnt noch auf dem Gelände, auf dem sein Opa Otto nach dem 1. Weltkrieg die Landwirtschaft begann.
An den Orten des alten Hofes (im Bild rechts)
stehen heute Neubauten und deine Tankstelle
Sein Vater kam kriegbeschädigt aus dem Krieg zurück, daher hielt die Familie im Nebenerwerbsbetrieb Kühe, Schweine und über 30 Hühner. Auf den zugehörigen Feldern wurden Kartoffeln angebaut, und in Weidewirtschaft Getreide für die Tiere. Wesentlicher Bestandteil des Bauernhofs war ein umfangreicher, vielfältiger Bauerngarten; es wurde gesät, gepflanzt und angebaut, zur Düngung der Felder und des Gartens wurden die Latrinen der benachbarten alten Selbecker Schule geleert.
Von April bis Oktober und darüber hinaus gab es eine reiche Ernte von Salaten und Gemüse aller Art über Erdbeeren und Obst. Die letzte Ernte des Jahres waren jeweils die Kartoffeln. Bei der Ernte war die Nachbarschaftshilfe besonders der Familien Göbel und Kalthoff immer selbstverständlich, sie wurde dankbar angenommen.
Heute sind auf einigen Flächen des ehemaligen Hofs Häuser gebaut worden, andere Felder wurden verpachtet, u.a. für Esel und Ponys der Familie Kalthoff.